Please wait...
News / Kalenderhitzefrei
Mirjam Berle
04.09.2026   Glosse
Kalenderhitzefrei
Endlich September. Endlich Herbst. Endlich sinken die Temperaturen. Glücklicherweise tun sie das von allein. Ich muss nicht mal was dafür tun. Wenn jetzt noch mein Kalender mitmachen würde. Tut er nicht.
Nehmen wir mal einen völlig aus der Luft gegriffenen Fantasiekalender. Ähnlichkeiten mit real existierenden Kalendern sind natürlich rein zufällig.

9 Uhr Jour fixe. 10 Uhr Projektstatus. 11 Uhr Eskalation. 12.30 Uhr Termin, der bis 13 Uhr überzieht. 13.03 Uhr: „Hast du kurz zwei Minuten?“ 14.53 Uhr: „Wir brauchen dazu jetzt eine strategische Entscheidung.“ Bis 15 Uhr bitte, dann beginnt der nächste Call.

Klar entscheiden, souverän führen, besonnen reagieren – heutzutage alles selbstverständlich. Idealerweise zwischen zwei Calls, drei Teams-Nachrichten und der Frage, ob man „wirklich nur ganz kurz“ fünf Minuten hat.

Wir haben Arbeitswelten gebaut, in denen Reaktionsgeschwindigkeit als Leistungsmerkmal gilt. Anschließend wundern wir uns, wenn zwischen zwei Teams-Calls nicht die ganz große strategische Erleuchtung einsetzt oder wenn nebenbei nicht die besten Entscheidungen getroffen werden.

Praktisch, dass wir eine erstaunliche sprachliche Begabung entwickelt haben, Überforderung in Kompetenz umzubenennen. Wer ständig unterbrochen wird, ist „agil“. Wer fünf Themen parallel verantwortet, übt „Ownership“. Wer keine Zeit hat, sich eine Sache wirklich anzusehen, kommt eben „schnell auf Flughöhe“. Und wer dabei irgendwann nicht mehr klar denkt, bucht ein Resilienztraining.

Das System bleibt derweil unangetastet. Der Kalender füllt sich weiter und frisst sich womöglich auch noch in die Zeit, die früher einmal Freizeit hieß.

Denken braucht, was in vielen Unternehmen verdächtig nach Luxus aussieht: ungeteilte Aufmerksamkeit. Nur gehört „ganz kurz“ zu den teuersten Formulierungen der Arbeitswelt. Zwei Minuten Frage, fünf Minuten Einordnung, danach die Rückkehr zu dem, was man eigentlich tat – falls man sich noch erinnert.

Deshalb, mein Vorschlag: Corporate Cooling. Wer eine strategische Entscheidung verlangt, ermöglicht zehn Minuten strategisches Denken. Wer „nur ganz kurz“ sagt, weist das vorher nach – schriftlich und selbstverständlich in unter zwei Minuten. Verstöße werden mit einem 60-minütigen Abstimmungstermin geahndet. Ab der dritten Eskalation vor der Mittagspause – die bitte nicht mit einem Abstimmungstermin zu verwechseln ist – besteht Anspruch auf Kalenderhitzefrei.

Unrealistisch? Nicht unrealistischer als die Annahme, ein Kopf könne beliebig viel gleichzeitig verarbeiten und dabei trotzdem kühl bleiben.

Wer dennoch einen kühlen Kopf verlangt, sollte aufhören, permanent für Überhitzung zu sorgen. Draußen wird es dieser Tage ganz von allein kühler. Drinnen dürfen wir gern nachziehen.

Kontakt zur Autorin: kontakt@mirjam-berle.de
Branchenpartner
Die NEWS der DPRG werden unterstützt von
Sie wollen immer auf dem Laufenden sein? Bestellen Sie jetzt unseren Newsletter!