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Mirjam Berle
25.07.2026   Glosse
Fertig durchdacht, nicht umgesetzt?
Reflexion hat einen beneidenswert guten Ruf. Wer reflektiert, wirkt klug. Wer lange reflektiert, wirkt besonders klug. Nur erledigt sich davon erstaunlich wenig. Wie so oft hilft auch hier viel eben nicht unbedingt viel.
Meine To-do-Liste hat eine Rubrik, die nie kürzer wird. Nennen wir sie: „Irgendwann". Dinge, über die ich nachgedacht habe. Gründlich. Mehrfach. Von allen Seiten beleuchtet, durchdekliniert, im Kopf schon fertig durchgespielt. Sogar die Entscheidung ist im Sinne des Tuns gefallen. Nur getan habe ich nichts.

Klarheit im Denken ist eben noch lange keine Klarheit im Tun. Ein Satz, den ich mir selbst gern vorhalte, wenn ich mich beim x-ten „Ich denke nochmal drüber nach" ertappe. Klingt vernünftig, ist es manchmal auch. Häufig ist es aber nur eine sehr gepflegte Form von Aufschieberitis.

Allzu oft suchen wir die perfekte Umsetzung. Die ohne Risiko, ohne Kritik und möglichst mit Applausgarantie. Hand aufs Herz: Gibt es die? Jede Umsetzung trägt ein Risiko in sich – das gehört quasi zu ihrer Grundausstattung. Wer trotzdem wartet, bis jegliches Risiko verschwindet, wartet für immer. Und überlässt anderen inzwischen ganz beiläufig das Feld. „Das hätte ich besser gekonnt …" mag sein, getan hast du es aber nicht.

Zugegeben: Nicht jede Umsetzung verdient das Sekundentempo. Manches braucht Zeit. Aber es gibt einen Unterschied zwischen gut durchdacht und Dauerschleife – und den kenne ich (siehe Rubrik „Irgendwann") ziemlich genau.

Was das mit Kommunikation zu tun hat? Wahrscheinlich hat noch nie jemand von uns an der perfekten Formulierung für die schwierige Nachricht gefeilt, bis die Gerüchteküche sie längst überholt hat. Und wir sind auch noch nie einer Führungskraft begegnet, die die Botschaft „noch einmal schärfen" will, während die Belegschaft sich die eigene zusammenreimt. Durchdacht war sie da schon – nur zu spät, um noch zu wirken.

Daher zurück zu meiner Liste...

Was hindert mich eigentlich wirklich daran, die Liste heute kürzer zu machen, statt sie weiter zu durchdenken? Vermutlich nichts, außer dem angenehmen Irrtum, Nachdenken bereits für Umsetzung zu halten. Nachdenken ist zwar Arbeit, aber noch keine Umsetzung.

Meine Rubrik „Irgendwann" ist übrigens hervorragend gepflegt. Sie wächst zuverlässig, ist sauber sortiert und enthält ausschließlich Dinge, die ich längst erledigt haben wollte. Vielleicht sollte ich sie einfach in „Nie, aber gut durchdacht" umbenennen.

Kontakt zur Autorin: kontakt@mirjam-berle.de
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