Wir wissen erstaunlich genau, was uns ärgert. Wer uns nervt. Was schiefläuft. Aber wissen wir genauso gut, was uns begeistert?
Die Welt ist derzeit ziemlich gut darin, uns aufzuregen. Ein Blick aufs Smartphone genügt. Krisen, Konflikte, Empörung. Die nächste Sau, die durchs digitale Dorf getrieben wird. Die Liste dafür ist lang. Täglich und fast immer automatisch.
Wir wissen erstaunlich genau, was uns ärgert. Wer uns nervt. Was schiefläuft. Aber wissen wir genauso gut, was uns begeistert?
Neulich habe ich mich von Axel Hacke begeistern lassen. „Wie fühlst du dich?“ fragt der Titel seines Buchs. Er empfiehlt darin, eine Liste zu machen. Mit Dingen, die Freude bereiten. Ein verblüffend einfacher Gedanke. Denn Listen führen wir für alles Mögliche: Einkaufszettel, To-dos, Urlaubschecklisten. Nur für Begeisterung eher nicht.
Dabei braucht Begeisterung dieselbe Energie wie Aufregung. Nur mit anderer Richtung. Wer sich zwanzig Minuten über eine fremde Meinung im Internet empören kann, hätte theoretisch auch genug Kraft, sich zwanzig Minuten über etwas Schönes zu freuen. Praktisch fällt uns Ersteres deutlich leichter.
Wer sich meisterhaft empören kann – und das können wir alle ziemlich gut – bringt eigentlich alles mit, was es dazu braucht. Die Fähigkeit ist dieselbe. Es ist eine Frage der Wahl, wohin wir sie lenken. Wir trainieren unsere Empörungsmuskeln schließlich täglich. Die Begeisterungsmuskeln dagegen fristen oft ein Dasein wie die Mitgliedschaft im Fitnessstudio: vorhanden, aber selten genutzt.
Hacke schreibt, dass Begeisterung große Freunde macht. Vermutlich weil begeisterte Menschen ansteckend sind. Nicht die Dauerenthusiasten, die schon um sieben Uhr morgens von ihrer Morgenroutine schwärmen. Sondern die, deren Augen leuchten, wenn sie von etwas erzählen, das ihnen wirklich wichtig ist.
Also machen wir eine Liste. Nicht mit Dingen, die erledigt werden müssen. Sondern mit Dingen, die uns begeistern. Die wäre vermutlich aufschlussreicher als manches Persönlichkeitsprofil.
Ein Auszug aus meiner sah zuletzt so aus: Die richtigen Worte für eine schwierige Botschaft gefunden. Sonnenschein, während ich morgens meine Laufrunde drehe. Die Eisdiele bietet Cassis UND dunkle Schokolade an. Spontane Einladung vom Mann zum Lieblingsitaliener.
Was uns aufregt, schreibt sich meist von selbst – Begeisterung schon weniger. Möglicherweise, weil Empörung uns zuverlässig findet, während wir nach Begeisterung manchmal erst suchen müssen. Dabei wäre sie die bessere Wahl. Und vermutlich auch die angenehmere Art, unsere Energie zu verwenden.
Kontakt zur Autorin: kontakt@mirjam-berle.de