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News / Karneval ist vorbei. Die Masken bleiben auf.
Mirjam Berle
21.02.2026   Glosse
Karneval ist vorbei. Die Masken bleiben auf.
Auch jenseits von Pappnasen und Glitzerbrillen tragen wir Masken. Besonders beliebt: maskierte Emotionen.
Karneval hat etwas Befreiendes. Für ein paar Tage dürfen wir jemand anderes sein. Maske auf, Rolle wechseln, das Ich verrücken, Grenzen lockern und vielleicht auch austesten. Der schüchterne Kollege wird zur Rampensau im Prinzenkostüm, die sonst so kontrollierte Führungskraft zur Konfetti-Königin, und die ohnehin schon Aufgedrehten drehen mit Ansage noch lauter auf als sonst auf. Alles erlaubt. Fast.
 
Karneval endet. Die närrischen Masken wandern zurück in die Kiste. Im Arbeitsalltag bleiben sie oft auf – nur subtiler. Denn auch jenseits von Pappnasen und Glitzerbrillen tragen wir Masken. Besonders beliebt: maskierte Emotionen. Sie heißen dann nicht „Piratin“ oder „Clown“, sondern „Sachlichkeit“, „Professionalität“ oder „das ist halt Business“. Gefühle sind zwar da – aber bitte gut verkleidet.
Ärger tritt als nüchterne Analyse auf. Unsicherheit tarnt sich als Kontrolle. Enttäuschung kommt im Gewand von Zynismus. Und Traurigkeit? Die gilt als Spielverderberin und wird gern komplett ausgeladen.
 
Maskierte Emotionen sind keine Charakterschwäche. Sie sind Überlebensstrategien. Erlernt in Kulturen, in denen bestimmte Gefühle als unpassend gelten, oder gefährlich, oder karriereschädlich. Also ziehen wir ihnen etwas anderes, etwas Vorzeigbares über.
 
Das Problem ist nicht die Maske. Das Problem beginnt dort, wo wir vergessen, dass es eine ist. Wenn sich Kommunikation an der sichtbaren Form orientiert, und nicht an der eigentlichen Emotion darunter. Wer auf kontrolliert vorgetragene „Sachargumente“ reagiert, obwohl Angst mitschwingt, redet am Kern vorbei. Wer vermeintliche Aggression moderiert, obwohl eigentlich Ohnmacht im Raum steht, verschärft die Lage.
 
Maskierte Gefühle sind teuer. Sie verlängern Konflikte, lähmen Entscheidungen und kosten Vertrauen, lange bevor jemand merkt, worum es eigentlich geht. Vielleicht sind viele Konflikte in Unternehmen deshalb so zäh, weil alle brav über das sprechen, was auf den ersten Blick sichtbar ist. Während das, was wirklich bewegt, unter der Oberfläche arbeitet: ungesehen, unadressiert, unversorgt.
 
Wer lernt, zwischen Ausdruck und Bedürfnis zu unterscheiden, versteht besser und vermittelt wirksamer. Das ist nicht bequem, aber effektiv. Denn eines ist sicher: Gefühle verschwinden nicht, nur weil wir sie nicht einladen. Sie kommen trotzdem. Dann eben maskiert.
 
Kontakt zur Autorin: kontakt@mirjam-berle.de
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