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Paul Ronzheimer
04.04.2022   Norddeutschland
„Mein Platz ist in Kiew“
31. März 2022, 19:30 Uhr: Reporter Paul Ronzheimer wird live aus Kiew zugeschaltet, schildert seine Beobachtungen und Einschätzungen der Lage. Ein Abend, der allen Zuhörer*innen unter die Haut geht. Lesen Sie hier den Bericht von Elke Hildebrandt über eine der wohl eindringlichsten Veranstaltungen der DPRG Nord.
Es ist der 36. Kriegstag in der Ukraine und wir haben Paul Ronzheimer als heutigen Referenten gewinnen können, den Reporter der BILD-Zeitung und zugleich stellvertretenden Chefredakteur der auflagenstärksten Tageszeitung Deutschlands. Der erfahrene Journalist hat sich bereit erklärt, für uns live vom Kriegsgeschehen in der Ukraine zu berichten. 80 Zuhörerinnen und Zuhörer sind zugeschaltet und warten gespannt, als Ronzheimer in Kiew auf dem Bildschirm erscheint. Er kommt direkt von einer Produktion. Sein Bericht aus Irpin, einem umkämpften Vorort nordwestlich von Kiew, ist gerade fertig worden.
 
Ronzheimer wirkt fokussiert, freundlich und sehr präsent: „Schönen guten Abend“ begrüßt er den Moderator Nils Haupt und die Teilnehmenden der MS-Teams-Sitzung, um sogleich vom Tagesgeschehen in Irpin und Kiew zu berichten. Heute hat er mit dem engsten Berater des Präsidenten, Andrei Jermak, gesprochen, es ist der Chef der Ukrainischen Präsidialverwaltung. Jermak sei leicht optimistisch, dass Russland tatsächlich eine Strategieverschiebung Richtung Osten vornimmt, berichtet der Reporter. Trotzdem habe der Beschuss auf Kiew heute weiter angehalten. Bei einer Live-Schaltung draußen habe es vor einer halben Stunde eine Explosion nicht weit vom Kiewer Zentrum gegeben.
 
Bruderliebe ist in Rekordzeit in Hass umgeschlagen
 
Seine Beobachtung und Einschätzung der Lage ist gründlich. Präsident Selenskyj habe richtig und heldenhaft reagiert, sagt er. Die große kommunikative Herausforderung läge aber noch vor ihm. Bei der gehe es darum, das ukrainische Volk darauf vorzubereiten, mit Russland eine Einigung zu erzielen, und das heißt auch, Regionen in irgendeiner Form an Russland abzugeben. Und dass, trotz der Toten, der persönlichen Verluste, des allgegenwärtigen Traumas der Ukrainer, sich nicht auf das Brudervolk verlassen zu können.
 
Er habe die Ukrainer noch kennengelernt, als alle das Nachbarland, ihre russischen Familien und russischen Verwandten geliebt haben. Die Rekordzeit, in der sich die Verbundenheit in Hass umgekehrt habe, sei besorgniserregend. Mit der Dauer des Krieges wachse nicht die Sehnsucht danach, dass das Schlimmste beendet werde, sondern der Hass werde nur noch größer. Einen Sieg der Ukrainer könne Putin nicht zulassen, die Russen könnten auch nicht mehr aus dem Donbas verschwinden. Diese Niederlage würde Putin zu Hause nicht überleben.
 
„Ich glaube, Russland bleibt ein Outlaw, solange Putin regiert“, sagt Ronzheimer. Persönlich ist der Kriegsreporter der Meinung, dass die Sanktionen gegen Russland nicht weit genug gehen. Und er sorgt sich in diesen Tagen um das Image Deutschlands: „Wir haben immer das Wenigste gemacht von dem, was man machen kann.“
 
Enge Kontakte zu politischen Vertretern und zur Bevölkerung
 
Bereits eine Woche vor Kriegsbeginn war Ronzheimer mit seinem Produktionsteam im Osten der Ukraine unterwegs, an der damals klassischen Frontlinie. Als der Krieg ausbrach, machte sich im ganzen Land Panik breit, erinnert er sich. Er und sein Team schlugen sich nach Kiew durch. Seither berichtet Ronzheimer von dort. Aus Sorge, Kiew falle in kürzester Zeit, seien zu Beginn des Krieges viele Offizielle und Journalisten aus dem Land geflohen. Auch dem Präsidenten Wolodomyr Selenskyj war nahegelegt worden, zu fliehen. Ronzheimer hat direkten Kontakt zu ihm, ebenso zum Bürgermeister Vitali Klitschko und dessen Bruder. Die Besuche an den Orten der Raketeneinschläge zusammen mit den höchsten Politikern seien im Nachhinein wahnsinnig gefährlich gewesen, weil die russischen Truppen bombardierte Gebäude häufig ein zweites Mal angegriffen hätten.
 
„Gerade am Anfang bin ich hier viel im Keller gewesen“, sagt der Kriegsreporter. Aber er sei auch häufig mit dem Bürgermeister Kiews unterwegs und habe sich nach einer gewissen Zeit an den Sirenenalarm gewöhnt. Das Überprüfen der persönlichen Sicherheitslage sei für ihn allerdings allgegenwärtig. Ronzheimer berichtet von seinen Besuchen in Irpin und den Interviews mit Zivilisten und Soldaten. Es sei wichtig gewesen, die Bilder in die Welt nach draußen zu transportieren. „Unser Alltag ist es, zu versuchen, so nah wie möglich an die Orte heranzukommen, wo sich gerade die Nachrichtenlage abspielt“, erklärt Ronzheimer. Aber, sagt der erfahrene Kriegsreporter, er sei kein Adrenalin-Junkie. Die Arbeit sei gefährlich und gerade die Frontberichterstattung wegen der Sicherheitslage besonders schwierig.
 
Lebensgefährlicher Reporteralltag
 
Sechs Kollegen seien in der Ukraine bereits ums Leben gekommen. Ronzheimer kennt sie persönlich, kennt ihre Schicksale. Warum wird man Kriegsreporter, warum wählt ein Medienvertreter diesen gefährlichen Beruf? Ronzheimer überlegt und räumt ein, Flugangst zu haben und grundsätzlich auch eher ein ängstlicher Mensch zu sein. Er wollte gar nicht Kriegsreporter werden. Er sei dort einfach so reingerutscht. Seine Wurzeln liegen in Ostfriesland, wo er als Lokalreporter begann. Später führte sein Weg in die Politikberichterstattung. Die fasziniert ihn bis heute.
 
„Ich mache den Reporterjob mittlerweile 12 Jahre, aber ich werde nicht richtig müde davon, weil ich das immer noch das Spannendste finde, was ich mir vorstellen kann“, versucht er eine Erklärung. Der Tod eines befreundeten Kameramannes ist ihm nahe gegangen, das ist zu spüren. Aus reinem Schutzmechanismus denke er nicht viel über die Lebensgefahr in seinem Job nach. Aber, es gibt Situationen „da kommt man nicht darum herum, sich damit zu beschäftigen“.
 
Ronzheimer ist nicht nur Reporter in der Ukraine, sondern er hat auch eine emotionale Bindung zu Land und Leuten. „Ich habe viele ukrainische Freunde“, sagt er. Nun erlebt er hautnah, was aus einer pulsierenden Stadt wird, in der er noch im Januar mit Freunden im Restaurant gesessen hat. Er kennt viele Menschen persönlich, die fliehen mussten, verwundet oder getötet wurden. Vielleicht ist es genau das, was ihm hilft, argwöhnische Stimmen aus der Heimat an sich abgleiten zu lassen.
 
Die Kritik an einer vermeintlichen Inszenierung und Boulevardisierung des Krieges kontert er mit dem Besten, was er geleistet habe. Und das sei die authentische Live-Berichterstattung. Journalistenpreise und Titel bedeuteten ihm nicht viel. Über die Häme aus der Heimat gegen BILD und ihn persönlich könne er sich nur wundern. Vor Ort sei er einer im Kreise internationaler Kollegen, die sich gegenseitig schätzen und unterstützen. Er sieht sich als Berichterstatter und Zeitzeuge dieses Krieges mitten in Europa. Man nimmt ihm ab, dass dies genau das ist, was für ihn am meisten zählt. Paul Ronzheimer hat seine Berufung gefunden. Seine Arbeit verdient Respekt.
 
Es ist kurz vor 21 Uhr. In Kiew ist jetzt wieder Sirenenalarm zu hören. Ronzheimer bleibt ruhig, er hat sich daran gewöhnt. Die Ausgangssperre gilt bereits und für den Bunker ist schon zu spät, sagt er. Seine Worte machen uns betroffen. Wir wünschen ihm Glück, dass er gesund bleiben möge und wir sind dankbar für dieses intensive Gespräch.
 
Autorin: Elke Hildebrandt, DPRG Landesgruppe Norddeutschland, 3. April 2022
 
Eine Aufzeichnung des MS-Teams-Gesprächs vom 31. März 2022 wird in der DPRG-App für DPRG-Mitglieder bereitgestellt.
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Im Norden schreiben wir vier Dinge groß: Austausch, Partizipation, Kollaboration und Vernetzung. Als Plattform hierzu dienen regelmäßige Veranstaltungen – aktuell vor allem in Hamburg und Kiel – mit einem thematischen, fachlichen Bezug. Mal zu kommunikativen Grundlagen, mal zu aktuellen Trends und Fragestellungen unserer PR-Branche. Immer aber mit Raum und Zeit für Austausch und Kontakte. Die Mitglieder im Vorstand der Landesgruppe Nord sind von Hamburg bis zur Ostseeküste in Kiel zu finden. Die vielfältige, bunte und lebhafte Kommunikationsbranche in der Metropolregion Hamburg ist das Zentrum. Die Vernetzung umfasst aber auch Schleswig-Holstein und Brandenburg – also das gesamte DPRG Norddeutschland-Gebiet.

Kontakt: norddeutschland@dprg.de

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