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Matthias Dezes
17.03.2022   News
Wenn Kontrolle das Vertrauen zerstört
Mehr Gelassenheit der PR im Umgang mit Redaktionen fordert Matthias Dezes. Sein Plädoyer: Verabschieden wir uns vom Kontrollwahn.
Das erste Interview im neuen Jahr. Der Journalist hat gute Vorsätze gefasst. Einer davon: Zitate werden nicht mehr abgestimmt, was gesagt ist, ist gesagt. Mein Auftraggeber wechselt für eine Sekunde die Gesichtsfarbe, und wir strukturieren derweil das Gespräch. Wir einigen uns darauf, dass es einen zitierfähigen Teil gibt, der aufgezeichnet wird und einen vertraulichen – ohne Notizen, keine Verwendung des Gesagten im Artikel. So kommen wir schließlich durch, alle sind zufrieden.
 
Die Entscheidung hat sich der Redakteur nicht leicht gemacht, aber nach allem, was er bislang erlebt habe, sei ihm dies unumgänglich erschienen. Die Gründe lassen sich leicht erahnen. Einige davon, nicht alle aus dem Erfahrungsbereich meines Gesprächspartners, hier einmal zur Illustration: Pressekonferenz (PK), 20 Redaktionen sind vertreten, am Ende weisen Vorstand und PR-Leute darauf hin, dass Zitate mit ihnen abzustimmen seien, Zuwiderhandlungen werden mit rechtlichen Informationssschreiben geahndet.
 
Oder: launiges Beisammensein eines Berufsverbands (nicht: DPRG), auf Wunsch des Kunden wurden einige wenige Redaktionen eingeladen, der Keynote Speaker leitet seinen Vortrag mit dem Hinweis ein, er würde ja gerne mehr Anekdoten erzählen, aber leider sei die Presse da, deshalb werde er sachlich bleiben. Beispiel drei: Wortlaut-Interview wird derart umgeschrieben, dass vom ursprünglichen Inhalt keine einzige klare Aussage übrigbleibt.
 
Wie ich aus den unterschiedlichsten Redaktionen höre, haben die Übergriffig­keiten in den vergangenen zwei Jahren in unerträglichem Maße zugenommen. Selbst Ein-Satz-Kommentare zu konfliktfreien Sachthemen müssen kontrolliert, abgestimmt und ggf. umformuliert werden. Und wehe, der CEO trifft sich mit einem Journalisten, den er seit 20 Jahren kennt, auf ein Bier – ohne PR-Begleitung. Das wird unterbunden, PR fürchtet um die eigene Bedeutung.
 
Da muss ich doch einmal fragen: Wie klein wollen wir uns als Berufsstand eigentlich machen? Glauben wir wirklich, dass wir mit 150 Prozent Kontrolle die Reputation unserer Auftraggeber steigern können? Zumindest die von uns, die einmal selbst auf der anderen Seite des Schreibtisches gesessen haben, wissen doch: Wer alles kontrollieren will, der hat es wohl nötig. Ich plädiere für mehr Gelassenheit im Umgang mit Redaktionen. Ja, ich weiß, auch die Medien machen Fehler – aber darum geht’s hier nicht. Sehr klar und bestimmt sollten wir allerdings unseren Auftraggebern gegenüber sein – drei Punkte hierzu:
 
  • Die Regeln für eine PK sind vorher festzulegen und zwar nach Standards, die allgemein anerkannt sind.
  • Klare Vorgaben für Einzelgespräche: Was „unter drei“ gesagt wird, das muss auch „unter drei“ bleiben.
  • Und schließlich immer wieder verstehen, was ein Interview in der Regel ist: Es ist kein Kaffeekränzchen, sondern eine Verhandlung. Nur wer sich Ziele setzt, wird mit einem Interview auch etwas erreichen. Die andere Seite handhabt es im Übrigen genauso.


Achten wir also ab heute besser darauf, gegenseitiges Vertrauen zu schaffen und zu erhalten. Verabschieden wir uns vom Kontrollwahn und sensibilisieren wir unsere Auftraggeber dafür, dass es nötig ist, sich auf Medientermine sorgfältig vorzubereiten. Werden wir wieder gelassen, und bleiben wir professionell.
 
Matthias Dezes
 
Der gelernte Wirtschaftsjournalist verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Unternehmenskommunikation. Zu seinen Auftraggebern zählen einige der größten Finanzdienstleister, Automobilkonzerne, Energieversorger und Wirtschaftskanzleien der Welt sowie Private-Equity-Investoren und Start-ups. Er berät in Kapitalmarkttransaktionen, Krisen und Issues. Außerdem unterstützt er seine Kunden in der Funktion eines externen Pressebüros. 2016 gründete er seine Agentur DEZES Public Relations.
 
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Dieser Beitrag erschien erstmals im DPRG Journal 1/2022 - Beilage zum PR Report 1/2022