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16.09.2021   Niedersachsen/Bremen
Von starken Frauen, dem Aufbruch in die Moderne und dem Überwinden von Hürden
Trotz Corona: Das 7. DPRG-Gipfeltreffen sollte endlich wieder die Gelegenheit bieten, sich persönlich zu sehen und auszutauschen. Hier kommen Eindrücke von Tatja Stülten.
Am 21. August trafen sich 11 aktive oder ehemalige Vorstandsmitglieder der DPRG-Landesgruppen Sachsen-Anhalt/Thüringen, Sachsen und Niedersachsen/Bremen. Es ging um die Welterbestadt Quedlinburg, starke Frauen, interessante Bezeichnungen, Modernität je nach Zeitalter und die Kommunikationsarbeit der Feininger-Galerie.
 
Dies war das letzte Gipfeltreffen, bei dem das bewährte Organisationsteam Dr. Friedhart Knolle und Reinhard Artus sich aktiv in die Themenfindung und Organisation einbrachte. Mit herzlichem Dank wurde ihr langjähriges Engagement gewürdigt.
 
Die Sonne lachte vom Himmel, als sich die 11 Teilnehmenden vor dem Bahnhof Quedlinburg zum 7. DPRG-Gipfeltreffen der Landesgruppen Sachsen-Anhalt/Thüringen, Sachsen und Niedersachsen/Bremen trafen. Wegen der Corona-Pandemie fand das Gipfeltreffen nur als Tagesveranstaltung und mit stark limitierter Teilnehmer*innenzahl statt. Es galt, die Welterbestadt Quedlinburg am Nordrand des Harzes und die Kommunikation des Museums Lyonel-Feininger-Galerie gemeinsam zu erkunden.
 
Welterbestadt Quedlinburg
 
Quedlinburg ist als Flächendenkmal seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe. In einem rund anderthalbstündigen Rundgang erkundeten die Teilnehmenden gemeinsam Teile der historischen Altstadt mit ihren über 2.100 Fachwerkhäuser aus acht Jahrhunderten. Unser Stadtführer Ralf Riediger verstand sich bestens auf die Kunst des Selbstmarketings für Quedlinburg. Selbstverständlich war die Stadt stets modern und ihrer Zeit weit voraus und auch heute noch ganz besonders. Aber Spaß beiseite: Viele Jahrhunderte war die Stadt wirklich ihrer Zeit voraus, denn sie wurde von starken Frauen regiert. Und zwar den Abtissinnen des Damenstifts, das hoch auf dem Berg über der Stadt thront. Sie waren oft adelige Damen mit einflussreichen Verwandten in hohen Ämtern, die sich gegen die Bestrebungen der Stadtbürger für mehr Autonomie behaupteten.
 
Und auch die erste deutsche Ärztin, Dorothea Erxleben, lebte in Quedlinburg. Sie war eine echte Powerfrau: hochgebildet in Sprachen und Naturwissenschaften, übernahm sie nach medizinischer Ausbildung und Studium die väterliche Arztpraxis. Sie versorgte einen Haushalt mit 9 (!) eigenen und angeheirateten Kindern und kämpfte dann mit 39 Jahren dafür, nach vielen Jahren der ärztlichen Praxis auch ganz offiziell die Promotion an der Universität erhalten zu dürfen. Mit Erfolg: 1754 legte sie ihr Promotionsexamen ab und wurde feierlich zum „Doktor der Arzeneygelahrtheit“ erklärt.
 
Hölle, Word, besondere Punkte und Ladenschluss
 
PR-Fachleute sind natürlich an sprachlichen Merkwürdigkeiten besonders interessiert. Davon gibt es in Quedlinburg reichlich. Der Straßenname „Word“ etwa erregte die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden. Doch mit den englischen Begriff für „Wort“ hat er nichts zu tun. Er stammt vom althochdeutschen „uuerid“ ab, das „Flussinsel“ oder „Erhebung im Wasser“ bedeutet und sich heute regional unterschiedlich als „Wörth“, „Werth“, „Werder“, „Ward“ oder eben „Word“ wiederfindet.
 
Die besonderen, weil eckigen Punkte auf dem Straßenschild sind ein Zeichen für – in diesem Fall vorauseilende – Quedlinburger Modernität. Um 1920 war eine Rechtschreibreform geplant, bei der alle Eigennamen mit anschließenden eckigen Punkten hervorgehoben werden sollten. So auch Straßennamen. Viele Straßenschilder standen zum Neudruck an, und so übernahmen die Quedlinburger die geplante neue Schreibweise. Die Reform kam allerdings doch nicht zustande. Und Quedlinburg war um eine Besonderheit reicher.
 
Im „Schuhhof“ ließ sich beobachten, wie die Bezeichnungen „Laden“ und „Ladenschluss“ ganz praktisch entstanden. Die Schuhmacher klappten morgens ihre Fensterläden zu einer Ladentheke um und schlossen abends wieder Fenster und Läden.
 
Warum die Straße „Hölle“ seit dem Mittelalter so heißt, ist nicht mehr eindeutig zu klären. In jedem Fall liefert sie den umliegenden Geschäftsinhabern eine schöne Steilvorlage für kreative Namen wie „Himmel und Hölle“ oder „Vorhof zur Hölle“. Eine Erklärung lautet so: Dort befanden sich in einem großen steinernen Haus die einzigen Feuerstellen nahe dem Markt befanden. Zumindest heißt ein sehr altes Haus noch heute „Höllenhof“.
 
Modernität und freches Platt
 
Sehr frühe moderne Stadtplanung erkannten die Teilnehmenden im Kontrast der Altstadt mit der sogenannten „Neustadt“ aus dem 12. Jahrhundert. Im Gegensatz zur chaotisch entstandenen Altstadt wurden die Straßen und Häuser der Neustadt mit System und viel Platz geplant. Für den Verkehr, für bessere Luft und und für besseren Brandschutz. Ein frühes Beispiel für die Modernität von Quedlinburg.
 
Im Marktkirchhof konnte man nicht nur die Architekturgeschichte des Fachwerks gut nachvollziehen, unter anderm die typischen Verzierungen, als „Quedlinburger Pyramide“ bekannt. Hier gab es auch die frühesten bekannten Reihenhäuser. Diese nannten die schlitzohrigen Bürger im Quedlinburger Platt „Piepenslock“, „Stiekenslock“ und „Gripenslock“– oder auch „Pfeif ins Loch“, „Steck ins Loch“ und „Greif ins Loch“. Dies waren die städtischen Dienstwohnungen für Stadtpfeifer = Turmbläser, Büttel und Hebamme.
 
Dankeschön für langjähriges Engagement
 
Bereits der Stadtrundgang bot immer mal wieder Gelegenheit zum ersehnten kollegialen Plausch. In das Restaurant Prinz Heinrich kehrte die Gruppe dann ein zu einem gemeinsamen Mittagsimbiss. Im lauschigen Biergarten tauschten die PR-Kolleg*innen sich über berufliche und private Themen aus.
 
Seit 2014 gab es in jedem Jahr ein DPRG-Gipfeltreffen, mit Ausnahme von 2020 wegen der Corona-Pandemie. Entwickelt sowie inhaltlich und praktisch organisiert haben dies in den vergangenen acht Jahren vor allem Dr. Friedhart Knolle, Pressesprecher des Nationalparks Harz, und Reinhard Artus, DPRG-Landesgruppenvorsitzender Sachsen-Anhalt/Thüringen, mit Unterstützung weiterer Vorstandsmitglieder der drei beteiligten DPRG-Landesgruppen. In diesem Jahr gab es eine doppelte Zäsur: Friedhart Knolle wird in Kürze in den (Un-)Ruhestand treten und steht somit für die Organisation der Gipfeltreffen nicht mehr zur Verfügung. Und auch Reinhard Artus kündigte an, sich aus der Organisation der Gipfeltreffen nun zurückzuziehen.
 
Uwe Lummitzsch und Tatja Stülten würdigten die Arbeit von Friedhart Knolle und Reinhard Artus und überreichten den beiden als Anerkennung und Dankeschön Aufmerksamkeiten, unter anderem eine Fotochronik der Gipfeltreffen.
 
Herausforderungen für die PR-Arbeit des Museums Lyonel-Feininger-Galerie
 
Eine weitere Powerfrau trafen wir am frühen Nachmittag im Hof des Museums Lyonel-Feininger-Galerie. Museumsdirektorin Frau Dr. Gloria Köpnick stand uns Rede und Antwort über das Museum und die Herausforderungen in der Kommunikationsarbeit.
 
Die Kunsthistorikerin Dr. Gloria Köpnick trat erst vor knapp einem Jahr, im September 2020, mit 32 Jahren die Stelle als Direktorin an. Sie studierte von 2007 bis 2014 Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Ab 2014 forschte sie am Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg im Bereich Klassische Moderne zu Oldenburger Bauhäuslern, und kuratierte dort 2019 die Ausstellung „Zwischen Utopie und Anpassung. Das Bauhaus in Oldenburg“. Im Anschluss arbeitete sie an den Staatlichen Museen Berlin. Dann kam der Ruf nach Quedlinburg.
 
Die Feininger-Galerie ist das einzige Museum weltweit, das dem berühmten Bauhaus-Künstler gewidmet ist. Im Wesentlichen geht es auf die Feininger-Sammlung des Quedlinburgers Dr. Hermann Klumpp zurück. Darüber hinaus zählen weitere grafische Werke von Künstler*innen von der Moderne bis in die Gegenwart  zur Museumssammlung.
 
Klumpp studierte am Bauhaus Dessau und befreundete sich dort mit Lyonel Feininger. Während der Zeit des Nationalsozialismus übergab ihm der Künstler große Teile seines Werks, bevor er mit seiner Frau Julia in die USA emigrierte. Klumpp schützte im entlegenen Quedlinburg die als „entartet“ diffamierten Kunstwerke vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten.
 
Nach dem Krieg sowie dem Tod Lyonel Feiningers 1956 und Julia Feiningers 1970 gab es viele Jahre unterschiedliche Auffassungen darüber, wem und wohin die Feininger-Sammlung gehöre. Die Erben dachten hier anders als der sozialistische Staat und auch als Klumpp. Erst nach Klärung der Eigentumsverhältnisse wurde das Museum als Lyonel-Feininger-Galerie 1986, noch zu DDR-Zeiten, eröffnet. Es erlebt 2021 seinen 35. Geburtstag. Seit 2014 ist es Teil der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt.
 
In der Kommunikationsarbeit steht die Lyonel-Feininger-Galerie vor besonderen Herausforderungen.
Drei Beispiele:
  • In der Öffentlichkeitsarbeit ist es sehr schwierig, dass die Ressourcen für eine ganze Stelle Öffentlichkeitsarbeit fehlen. Eine Museologin sei mit einem Teil ihrer Stunden „auch“ für die Kommunikation zuständig. Was natürlich nur in begrenztem Maße funktioniert. Für Entlastung sorgt die Einbindung in die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt. Ein indirekter Weg für mehr PR sei auch die intensive museumspädagogische Arbeit, die vor allem zwei Kolleginnen betreuen.
    Eine PR- und Öffentlichkeitsarbeitsstelle ist momentan nicht in Sicht. Immerhin: Ab 1. September wird das Team von einer FSJ-lerin unterstützt, die sich nun verstärkt um den Social Media-Content kümmern wird.
  • Die Lyonel-Feininger-Galerie liegt versteckt am Rand der Altstadt. Dort findet man sie nur schwer. „Wir haben noch Potenzial, sichtbarer zu werden“, sagt Dr. Köpnick deshalb. Schwierig sei auch manchmal, dass die Altstadt von Quedlinburg ein Flächendenkmal ist und Werbung somit nur in geringem Maße und nach Abstimmung mit der Denkmalpflege möglich ist.
  • Was vielen der Kolleg*innen neu war: Ein Kunstmuseum hat nicht automatisch die Bildrechte für die Kunstwerke, die in den eigenen Räumlichkeiten hängen und dem Museum zum Teil sogar gehören. Dies erschwert Öffentlichkeitsarbeit und Marketing für ein Museum ernorm. Dr. Köpnick berichtete, dass teilweise für jede einzelne Abbildung in einem Katalog, einer Broschüre oder auf einem Plakat die Genehmigung der Rechteinhaber – teilweise gegen Gebühr – eingeholt werden müsse. Erst 70 Jahre nach dem Tode des Urhebers eines Werks erlischt das Urheberrecht. „Momentan warten wir darauf, dass das Werk Feiningers frei wird. 2026 ist er 70 Jahre tot“, so Dr. Köpnick. „Ich hoffe, dass dann das Thema Abbildung für die Kommunikationsarbeit insgesamt leichter wird.“

 
Nach dem abwechslungsreichen und informativen Gespräch mit Dr. Köpnick besuchten die Gipfeltreffen-Teilnehmenden individuell die Sonderausstellung „Becoming Feininger. Lyonel Feininger zum 150. Geburtstag“. Diese läuft noch bis zum 9. Januar 2022 und ist einen Besuch wert. Es war beeindruckend, den Weg des berühmten Bauhaus-Künstlers dabei nachzuverfolgen, seinen unverwechselbaren Stil zu finden. Und das in vielen verschiedenen Kunstformen, unter anderem Karikatur und Grafik, Holzarbeiten (Spielzeug), Holzschnitt und Druck sowie Malerei.
 
Schön war’s – und mehrere Teilnehmende wünschten sich laut eine Fortsetzung. Wir danken allen Beteiligten bei Planung, Organisation und Durchführung ganz herzlich!
 
Bericht: Tatja Stülten, Hannover
 
Foto: Uwe Lummitsch, Martina Flamme-Jasper, Monika Prött, Michael Hiller, Reinhard Artus, Jana Gaudich, Tatja Stülten, Markus Bellmund und hinten Dr. med. Werner Prött (v.li.n.re.)
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Landesgruppe

Niedersachsen/Bremen

Wie in den meisten Flächenländern hat die Kommunikationsbranche auch in Niedersachsen/Bremen ihren Schwerpunkt in der Landeshauptstadt Hannover. Dementsprechend setzen wir mit unseren rund 100 Mitgliedern hier einen Schwerpunkt unseres aktiven Networkings. Aber auch im kleineren Bundesland Bremen sind in den letzten Jahren neue Aktivitäten entstanden. Ein wichtiges Ziel der Landesgruppe ist es, die Mitglieder-Basis durch attraktive Themen und Angebote zu verbreitern. Neben bewährten Formaten, wie Abendveranstaltungen zu aktuellen Schwerpunktthemen, Unternehmensbesuchen und Podiumsdiskussionen bieten wir eine Vielzahl digitaler Veranstaltungen an.

Kontakt: niedersachsen-bremen@dprg.de

Ansprechpartner

Vorsitzende
Tatja Stülten
Stv. Vorsitzende
Shiloo Katja Köhnke
Stv. Vorsitzender
Maurice Müller
Beisitzer: Stefan Becker, Jens Voshage