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28.04.2021   Sachsen
Whistleblower-Richtlinie: Warum wir Kommunikatoren jetzt gefordert sind.
Auf einer Veranstaltung der DPRG Sachsen am 21. April gaben Robert Weichert, Constanze Reinsberg und Erik Fritzsche einen Überblick zur neuen Richtlinie.
Ab dem 16. Dezember 2021 gilt die EU-Whistleblower-Richtlinie auch in Deutschland. Unternehmen müssen interne Hinweisgebersysteme einführen und Meldungen, die dort eingehen, bearbeiten. Wird einer Meldung nicht nachgegangen oder drohen Whistleblowern Repressalien, ist der Gang in die Öffentlichkeit gestattet. Für Kommunikatoren bedeutet dies eine Gefahr für die Reputation der Organisation. Dagegen bestehen Chancen für die Fortentwicklung einer ethischen Unternehmens- und Organisationskultur. Hier können sich Kommunikatoren beweisen.
 
Automobilhersteller, die ihre Diesel-Fahrzeuge manipulieren, eine Religionsgemeinschaft, die Kinder misshandelt, eine Kassenärztliche Vereinigung, deren Vizepräsident sich bevorteilt – das sind nur einige wenige Beispiele für die vielen, vielen Missstände, die durch Whistleblower an die Öffentlichkeit gelangten. Wenn dies passiert, ist der Reputationsschaden für die betreffenden Organisationen verheerend. Kein Wunder, dass Whistleblower schillernde Figuren sind. Mal werden sie in den Himmel gehoben und gelten als Helden, mal werden sie als Nestbeschmutzer ausgegrenzt.
 
Die EU stärkt Hinweisgebern den Rücken: 2019 verabschiedete sie die Whistleblower-Richtlinie (EU-Richtlinie 2019/1937). Diese muss bis 16. Dezember 2021 in deutsches Recht umgesetzt sein. In Deutschland sollte dazu ein Hinweisgeberschutzgesetz vom Bund erlassen werden. Zwar hat die Koalition das Gesetz jüngst gestoppt. Erlassen werden muss es dennoch – dann eben nach der Bundestagswahl. Der diskutierte Referentenentwurf richtet sich an alle juristischen Personen des privaten Sektors ab 50 Beschäftigten oder mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz. Außerdem gilt die Richtlinie für alle juristischen Personen des öffentlichen Sektors. Die zentrale Vorschrift: Ab 50 Beschäftigten ist ein internes Hinweisgebersystem einzuführen, über das Mitarbeiter*innen Meldungen über mutmaßliche Missstände (ggf. auch anonym) machen können.
 
Diesen Meldungen muss das Unternehmen nachgehen. Reagiert es nicht, wird die externe Meldung und sogar der Gang an die Medien legal. Damit wird der Whistleblower im Vergleich zur aktuellen Rechtsprechung in Deutschland und Europa erheblich gestärkt. Auch die Sanktionen für Unternehmen und Management fallen in Zukunft höher aus, wenn interne Meldungen nicht richtig bearbeitet werden. Dann nämlich ist schnell das Tatbestandsmerkmal der Fahrlässigkeit erfüllt.
 
Doch was hat all dies mit uns Kommunikatoren zu tun? Robert Weichert, Constanze Reinsberg und Erik Fritzsche von WeichertMehner Unternehmensberatung für Kommunikation gaben hierzu am 21. April über 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der gemeinsamen Online-Veranstaltung der DPRG LG Sachsen und der LG Mitteldeutschland des BdKom einen sehr interessanten und abwechslungsreichen Einblick.
 
Wer sind Whistleblower? Was treibt sie an? Welche Missstände bestehen eigentlich in deutschen Unternehmen? Dabei wurde schnell klar: Wo immer Menschen arbeiten, gibt es auch Verfehlungen, ob Vermögens-, Wettbewerbs- oder Korruptionsdelikte oder ob andere illegale oder zumindest unethische Verhaltensweisen, sei es Rassismus, sexuelle Übergriffe, Mobbing und Datenmissbrauch. Whistleblower sind ganz überwiegend Menschen, die sich besonders mit ethischen Normen und den Leitwerten der Organisation identifizieren, für die sie arbeiten. Gerade deshalb können sie schwer wegsehen. Und noch eins ist typisch: Fast nie gehen Hinweisgeber sofort an Externe oder gar die Medien; fast immer wird zunächst versucht, die Dinge intern anzusprechen. Scheitert dies und müssen Whistleblower Repressalien ertragen, bleibt ihnen oft nur der Gang an die Öffentlichkeit.
 
Doch warum sind wir Kommunikatoren gefordert? Zunächst weil am Ende die Reputation der Organisation leidet, wenn Missstände nicht intern gemeldet, untersucht und aufgehoben werden. Sie leidet sogar doppelt, wenn der Hinweisgeber nicht nur Missstände an die Öffentlichkeit trägt, sondern auch noch von seinen Repressalien und einer schlechten Unternehmenskultur berichtet. Apropos Unternehmenskultur: Moderne Compliance ist eine Kulturfrage, nicht einfach nur eine Sache von Rechts- und Pflichtenbelehrung, einer schnellen Schulung und ein paar Unterschriften. Gerade wir Kommunikatoren wissen um die Bedeutung der Unternehmenskultur in Zeiten der drei großen Trends der zeitgenössischen Öffentlichkeit: Moralisierung, Politisierung, Polarisierung. Compliance, Umweltschutz, Diversity und Gleichberechtigung – das sind nur einige der Themen, zu denen Organisationen eine Haltung entwickeln müssen.
 
Darum gilt es, die Chancen interner Meldesysteme zu erkennen und die Risiken zu mindern. So können mehr kritische Fälle aufgedeckt und gegebenenfalls sogar früher reagiert werden. Schäden für die Reputation und das Organisationsziel bis hin zu Schäden bei Verkäufen und Gewinnen von Unternehmen können so minimiert werden. Vor allem aber ist die Einführung interner Meldesysteme eine große Chance, Compliance-Diskurse im Unternehmen anzustoßen und eine ethische Organisationskultur zu stärken. Hierbei sind berechtigte Vorbehalte, etwa gegenüber einer Denunziationskultur, ernst zu nehmen. Kommunikatoren können mit dem ihnen eigenen Fingerspitzengefühl für die Interpretationsmuster aller Stakeholder einen wichtigen Beitrag zur Stärkung von Sinn und Reputation einer Organisation leisten.
 
Dies schließlich mündet in notwendige Anschlussdiskurse: Wie können Werte und wie kann die Haltung des Unternehmens gestärkt werden? Was bedeuten Moral, Recht und Gerechtigkeit? Sind die Vorstellungen hierüber systematisch verschieden, wenn wir in andere Länder blicken? Wie kann ein Verhaltenskodex mehr sein als nur ein Marketinginstrument? Bei diesen Fragen braucht die Unternehmensführung ethische Kompetenz, Moderationsgeschick und Konfliktregulierung. Solche Aspekte sind wegen der gesellschaftlichen Trends von großer Bedeutung – gerade auch für externe Stakeholder, von Kunden und Zulieferern hin zu Regulatoren oder – zukünftigen Mitarbeitern.
 
Am Beispiel von Employer Branding verdeutlichte das Team von WeichertMehner, wie die kommende Arbeitskräfte- und Führungsgeneration verstärkt Wert auf eine ethische, sozial verträgliche und nachhaltige Unternehmensführung legt. Schon heute zeigt sich in der Beratung bei der Positionierung von Unternehmen an den Arbeitsmärkten der Wettbewerbsvorteil einer ethischen Unternehmenskultur.
 
Dies wird mit Blick auf die Umsetzung der Richtlinie im deutschen Hinweisgeberschutzgesetz – gerade auch vor dem Hintergrund des anstehenden Bundestagswahlkampfes – noch einmal sehr deutlich werden.
 
In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Geldwäschedelikte: Hier ist Deutschland Entwicklungsland. Außerdem wurden die Herausforderungen der internen Kommunikation bei der Einführung des Meldekanals diskutiert. Auch die Purpose-Debatte um den Sinn eines Unternehmens wurde aufgegriffen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass die EU-Richtlinie interessante Anknüpfungspunkte an fachliche Debatten liefert.
 
Für uns Kommunikatoren bietet sich darum die Gelegenheit, unsere geistes- und sozialwissenschaftlichen Kompetenzen nicht nur für einen recht konkreten Wertbeitrag der von uns beratenden Organisationen einzubringen. Darüber hinaus können wir Orientierung vermitteln und selbst an einer guten Zukunft mitwirken.
 
WeichertMehner hat die Informationen in zwei umfänglichen Whitepapers zusammengefasst: einmal für öffentliche Einrichtungen und einmal für Wirtschaftsunternehmen.


Mehr Informationen unter www.weichertmehner.com
 
Constanze Reinsberg, Dresden
Foto: shutterstock
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Landesgruppe

Sachsen

Anregungen für professionelle Kommunikation, Weiterbildung, Austausch und Netzwerk – das alles bietet die Landesgruppe Sachsen. Darüber hinaus wollen wir regionaler Ansprechpartner und Interessenvertreter der Kommunikationsbranche in Sachsen sein. Dazu treffen sich Mitglieder und Gäste aus Unternehmen, Institutionen, Agenturen, Freiberufler und Studenten bei regelmäßigen Veranstaltungen. Ob Krisenkommunikation, Social Media, interne Kommunikation oder Influencer Relations – hier werden aktuelle PR-Themen mit Fachleuten diskutiert und hinter die Kulissen der Kommunikation in Unternehmen, Organisationen und Vereinen geschaut. Wir sind offen für den jungen PR-Nachwuchs aus den Hochschulen Sachsens.

Kontakt: sachsen@dprg.de

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