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DPRG-Gipfeltreffen 2019: Weltkulturerbe im Harz
Wasserwirtschaft: Wie aus Armut, Not und Elend ein Weltkulturerbe wurde.
Zum 6. DPRG-Gipfeltreffen trafen sich am 23. und 24. August rund 15 DPRG-Mitglieder und -Gäste der Landesgruppen Sachsen-Anhalt/Thüringen, Niedersachsen/Bremen und Sachsen. In Clausthal-Zellerfeld und St. Andreasburg ging es um Natur, Kultur & Kommunikation im Harz. Im Mittelpunkt diesmal: Das UNESCO-Weltkulturerbe „Oberharzer Wasserwirtschaft“.
 
Weltkulturerbe im Harz Teil II
 
2019 setzte die DPRG inhaltlich das Gipfeltreffen 2017 fort, denn erneut ging es um das UNESCO-Weltkulturerbe im Harz „Bergwerk Rammelsberg, Altstadt in Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft“. Nach 2017, dem Besuch im Bergwerk Rammelsberg, lag der Fokus diesmal auf einem anderen Teil des Weltkulturerbes, der „Oberharzer Wasserwirtschaft“. Sie machte den Bergbau im Harz erst lukrativ und ist das bedeutendste vorindustrielle Energieversorgungssystem der Welt: ein einzigartiges, weitläufiges System von Teichen, Gräben, Wasserstollen und Bergwerksanlagen im niedersächsischen Teil des Harzes.
 
Kulturdenkmal Oberharzer Wasserwirtschaft: Pionierarbeit der Energieversorgung
 
Für die richtige Einordnung der Oberharzer Wasserwirtschaft sorgte am ersten Tag Justus Teicke, Leiter Talsperren der Harzwasserwerke. Denn eine Besonderheit ist es, dass ein Unternehmen für die Erhaltung einer Kulturerbestätte verantwortlich ist. Er berichtete in seinem Vortrag „Das Oberharzer Wasserregal – Der Weg zum Weltkulturerbe“ über die Historie, den Status quo und neue Herausforderungen. Übrigens: Der alternative Name „Oberharzer Wasserregal“ hat nichts mit dem Möbelstück zu tun. Vielmehr bedeutet Regal ein königliches Recht: Mit dem Wasserregal verlieh der Landesherr das Recht, das zur Verfügung stehende Wasser für den Bergbau zu nutzen.
 
Aufgebaut im 16. bis 19. Jahrhundert, diente die „Oberharzer Wasserwirtschaft“ zum Betrieb von Wasserrädern für den Bergbau – die Wasserenergie betrieb Pumpen, bewegte Erztonnen und transportierte Bergleute. Erst dieses innovative System ermöglichte die ehemals tiefsten Bergwerke der Welt und machte den Harz zum größten Silberproduzenten Europas in der Barockzeit.
 
Die „Oberharzer Wasserwirtschaft“ wurde 2010 von der UNESCO zum „Weltkulturerbe“ erklärt und ist damit der dritte Teil des Weltkulturerbes im Harz. Heute werden die Anlagen von den Harzwasserwerken unterhalten und dienen dem Hochwasserschutz sowie der Gewinnung von Trinkwasser und regenerativ erzeugter Energie. Sie sind auch ein beliebtes Ausflugsziel von Touristen und für Freizeitaktivitäten. Zahlreiche WasserWanderWege führen durch die einzigartige Naturlandschaft.
 
Der Weg zum Weltkulturerbe
 
Die "Oberharzer Wasserwirtschaft" brachte gute Voraussetzungen für die Ernennung zum Weltkulturerbe mit:


  • die Komplexität, Größe und Weitläufigkeit des Systems
  • die Verbindung von Kultur, Technik und Natur
  • die historische und zum Teil technische Einzigartigkeit
  • der gute Erhaltungszustand: Nur hier finden sich viele Anlagen noch so, wie sie zuletzt Anfang des 20. Jahrhunderts im aktiven Bergbau genutzt wurden.



Leicht war der Weg nicht: Jedes Jahr kann Deutschland höchstens einen Vorschlag für ein Welterbe einreichen. Jedes Bundesland kommt nur alle 16 Jahre zum Zug. Mit der Aufnahme in die Vorschlagsliste der Ministerkonferenz auf Bundesebene war ein wichtiger Schritt gelungen. Trotzdem ist so eine Bewerbung kein Selbstläufer. Bei der Evaluation 2009 durch einen neutralen Gutachter war es wichtig, dass diese inhaltlich gut vorbereitet war und intensiv begleitet wurde. Und sie begann mit einem besonderen Höhepunkt: Dem Helikopter-Flug und Blick von oben über die gesamte Fläche des Oberharzer Wassersystems mit all seinen Teichen, Gräben und Bergbauanlagen.
 
Brauchen wir ein Weltkulturerbe?
 
Für die Harzer Wasserwerke lautet die Antwort auf diese Frage "ja", so Justus Teicke. Zum einen können die Wasserwerke die aufwendige Unterhaltung dieses Denkmals für die eigene Öffentlichkeitsarbeit gut einsetzen. Zum anderen brachte die Ernennung viel Aufmerksamkeit für den Oberharz, wovon die gesamte Region profitierte. Für viele Harzer war die besondere Bedeutung der Wasserwirtschaft neu und eine positive Überraschung.
 
Zum Auftrag einer Welterbestätte gehören neben der finanziellen Sicherstellung der Erhaltung auch die wissenschaftliche Begleitung und die genaue Dokumentation, was dazu gehört, sowie die Vermarktung und touristische Nutzung. Leider verlaufe die Vermarktung noch etwas schleppend, so Teicke. Der Aufbau der Zusammenarbeit in der Stiftung „Weltkulturerbe im Harz“ verlief am Anfang schwierig, vor allem weil zu wenig Ressourcen zur Verfügung standen und viele unterschiedliche Akteure zusammenfinden mussten.
 
Weltkulturerbe praktisch erlebt: Grube Samson und Oderteich
 
Am nächsten Tag folgte der praktische Teil: In einer Erlebnisführung präsentierte uns Christian Barsch, Diplom-Forstwirt und zertifizierter Welterbe-Guide, die Grube Samson und exemplarisch den Oderteich als Teile der Oberharzer Wasserwirtschaft über und unter Tage. Im Bergwerk Grube Samson in Sankt Andreasberg wurden von 1521 bis 1910 vor allem Silbererze gefördert. Das heutige Gebäudeensemble ist das letzte komplett erhaltene Bergwerk des historischen Oberharzer Erzbergbaus. Zudem zählte der Samson mit über 800 Metern lange zu den tiefsten Bergwerken der Welt.
 
Zunächst kam eine Einführung in die Geschichte und Technik des Bergbaus im Harz. Die Region war arm und die Leute lebten ein hartes und elendes Leben. Nur mit vielen technischen Innovationen gelang es, den Bergbau zu einer wichtigen Einnahmequelle zu machen. Leider blieben die Einnahmen nicht im Harz, sondern füllten die Schatztruhen der Braunschweiger und Hannoveraner Landesherren.
 
Innovative Technik, im Harz erfunden
 
Die Harzer Bergleute entwickelten unter anderem eine frühe Sicherheitstechnik: Stollen mit Decken aus Fichte und „natürliche“ Luftqualitätswarnsysteme: Kanarienvögel. Diese sangen, solange die Luft in Ordnung war. Verstummten sie, wussten die Bergleute, dass sie besser aus diesem Stollen flüchten sollten. Besonders wichtig war die Fichte als Allzweckmaterial: Schnell nachwachsend, gerade gewachsen und gut nutzbar, elastisch und stabil. Mit Humor erklärte Barsch: „Im Oberharz ist die Antwort auf alles:“ (nein, nicht 42!) „die Fichte“. Warum die Fichte als Deckenmaterial die Sicherheit erhöhte? „Die Fichte spricht, bevor sie bricht“, so Barsch. Mit anderen Worten: Knarzte die Decke der Stollen, stand ein Felseinbruch bevor. Auch hier hieß es dann, schnell Reißaus zu nehmen.
 
Von Drahtseilkünstlern und Trittbrettfahrern
 
Im Oberharz wurden auch Stahlseile entwickelt, ohne die heute viele große Brücken gar nicht gebaut werden könnten. Zuvor setzte man im Harzer Bergbau Eisenketten ein. Stahlseile waren aber sowohl leichter als auch sicherer. So konnten größere Tiefen erreicht werden und die Gruben wurden effizienter. Als frühe „Open Source“-Technologie schickten die Harzer Bergleute Informationen zum Bau der Stahlseile aus Solidarität mit anderen Bergleuten in Bergwerke in der ganzen Welt.
 
In der nächsten Etappe ging es zunächst rund 20 Meter unter Tage, wo die Teilnehmenden die weltweit einzige noch betriebsbereite „Fahrkunst“ sahen, einen zu seiner Zeit innovativen Vorläufer des Fahrstuhls. Kunst bedeutet hier übrigens eine „künstliche“, also von Menschen gebaute technische Anlage. Mit der Fahrkunst konnte die Zeit des Ab- und Aufstiegs der Bergleute beträchtlich verringert werden. Durch einen „authentisch niedrigen“ Stollen wanderten die Teilnehmenden zurück an die Oberfläche.
 
Bei allen Etappen konnten jederzeit Fragen gestellt werden – und wurden auch kenntnisreich, ausführlich und humorvoll beantwortet. Themen waren neben Leben und Arbeit der Menschen zu Zeiten des aktiven Bergbaus auch der kommunikative Ansatz von Christian Barsch für das Museum und die Erlebnisführungen. Er verbindet bei seinen Aktivitäten Kulturerlebnis, Naturentdeckung und Bildungsunterhaltung. Was ihm dabei wichtig ist: die Kultur- und Naturgeschichte des Harzes für Menschen heute relevant und erlebbar zu machen. Deshalb weist er immer wieder auf vergleichbare Themen und Trends von heute hin: nachhaltige Ressourcennutzung, regenerative Energiegewinnung und innovative Technik. Für diese innovative museumspädagogische und kommunikative Herangehensweise hat Christian Barsch mehrfach Auszeichnungen erhalten.
 
Blick auf Oderteich und Nationalpark
 
Wegen der vielen Fragen und ausführlichen Erklärungen fiel die Wanderung um den Oderteich kürzer als geplant aus. Bei hochsommerlichen Temperaturen war der Blick auf die steinerne Staumauer (bis Anfang des 19. Jahrhunderts die höchste Staumauer) aber ebenso beeindruckend wie auf die im natürlichen Zustand belassenen Wälder des Nationalparks. Die kommunikative Begleitung dieser Entwicklung sei enorm wichtig, so Barsch: „Wir Förster müssen erklären, dass dies der Normalzustand für einen Wald ist. Auch Bäume sterben. Nur werden die im Nutzwald immer schnell weggeräumt, sodass die Menschen nicht mehr an den Anblick toter Bäume gewöhnt sind.“ Auf den Brachen entsteht aber neues Leben und ein vielfältiger Mischwald entwickelt sich, zum Beispiel mit Büschen, Vogelbeeren, Birken, Buchen und jungen Fichten.
 
Gipfeltreffen wird fortgesetzt
 
Während der Veranstaltungen und auch vorher und nachher nutzten die Teilnehmenden natürlich gerne die Gelegenheit für viele fachliche Gespräche unter Kollegen. Mit der Einkehr im schön gelegenen Polsterberger Hubhaus klang die Veranstaltung aus. Zum Abschluss kündigte Reinhart Artus schon einmal an, dass es auch im kommenden Jahr wieder ein Gipfeltreffen geben wird, möglichst mit noch mehr Teilnehmenden aus noch mehr Landesgruppen. Bei Interesse: Halten Sie sich den Termin 21./22. August 2020 schon einmal frei.
 
Am Zustandekommen der Veranstaltung waren auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Kolleginnen und Kollegen beteiligt. Ein herzliches Dankeschön geht an das bewährte Organisatorenteam Reinhard Artus (Vorsitzender DPRG-LG Sachsen-Anhalt/Thüringen), Dr. Andreas Brandtner (Vorsitzender DPRG-LG Niedersachsen-Bremen) und Dr. Friedhart Knolle (Nationalpark Harz).
 
Einige Lesetipps
 
http://www.welterbeimharz.de  
https://www.ohwr.de 
https://www.grube-samson.de 
https://www.oberharz.de/sommer/kultur-im-harz/oberharzer-wasserwirtschaft-unesco-weltkulturerbe 
 
Autorin: Tatja Stülten, stv. Landesvorsitzende DPRG Niedersachsen-Bremen
Foto: Michael Rost

Landesgruppe

Sachsen-Anhalt/Thüringen

Die Mitglieder Landesgruppe Sachsen-Anhalt und Thüringen nutzen aktuelle Ereignis und kommunikative Anlässe zur Vernetzung und Kooperation. Unsere Themen sind vielfältig: Wissenschafts-, Mittelstands- und Tourismuskommunikation stehen in dem Bundesland mit seiner breiten Forschungs- und Hochschullandschaft sowie touristischen Top-Zielen, wie dem Nationalpark Harz, an erster Stelle. Als kleine Landesgruppe setzen wir besonders auf die Zusammenarbeit mit anderen Verbänden. Häufige Partner sind zum Beispiel der Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit der IHK Halle-Dessau oder auch der Marketing- und der Presseclub Magdeburg sowie der Deutsche Journalistenverband. Seit 2018 zählt Thüringen zur Landesgruppe und bereichert das Angebot an Netzwerkveranstaltungen in diesem Bundesland.

Kontakt: sachsen-anhalt-thueringen@dprg.de

Ansprechpartner

Vorsitzender
Reinhard Artus
Stv. Vorsitzende
Ninette Pett (Thüringen)
Stv. Vorsitzender
Uwe Lummitsch