20.12.2011
Plötzlich im Mittelpunkt
„Carbonfasern für die
Automobilindustrie machen heute nur einen Bruchteil unseres Umsatzes aus“
Bis vor kurzem war der Werkstoff Carbon der Zeitung und Wirtschaftsmagazine lesenden Öffentlichkeit kein Begriff. Dann stieg in diesem Jahr Volkswagen als Aktionär bei SGL Carbon ein. Und vor kurzem noch BMW. Da BMW-Großaktionärin Susanne Klatten seit 2008 bei SGL Carbon größte Anteilseignerin ist, interessieren sich die Medien vermehrt für das Wiesbadener Unternehmen. Das Ergebnis: Eine Fülle von Berichterstattung – auch über den vermeintlichen Kampf zwischen VW und BMW.
Tino Fritsch, Head of Corporate Communications der SGL Group, nutzt diese Gelegenheit, um über Carbon zu informieren. Im Dezember brachte er im Wiesbadener Presseclub interessierten Mitgliedern der DPRG das Unternehmen und seine Kommunikationsstrategie näher.
Vielseitiges Material
Carbon findet in zahlreichen Geschäftsfeldern Verwendung: Luftfahrt, Windenergie, Maschinenbau, Kühlsysteme, e-Mobility, Rennsport – um nur einige zu nennen. Dabei kommt oftmals der sogenannte kohlenstofffaserverstärkte Kunststoff, also in Harz getränktes Gewebe aus Kohlenstofffasern, zum Einsatz. Dieser wird bei hohen Temperaturen gebacken, um seine Form zu erhalten. Der Vorteil liegt in der Leichtigkeit und hohen Stabilität des Verbundwerkstoffes – allerdings erfordert die Verarbeitung heute oftmals Handarbeit, da das Harz gleichmäßig im Gewebe verteilt sein muss. Ein Joint Venture mit BMW widmet sich der Herstellung der schwarzen Carbonfasern und der textilen Weiterverarbeitung zu Gelegen. Die Herausforderung ist insbesondere die automatisierte Herstellung von Automobilteilen. Dies ermöglicht erst eine Serienfertigung mit hohen Stückzahlen und ist daher revolutionär für die Verarbeitung des Werkstoffs.
So viel Aufmerksamkeit dem Unternehmen derzeit über das hoch emotionale Thema Auto auch zukommt – das Geschäftsfeld Automotive stellt nur einen kleinen Teil des Portfolios dar. „Carbonfasern für die Automobilindustrie machen heute nur einen Bruchteil unseres Umsatzes aus“, erläuterte Fritsch. „Auch wenn dieser Anteil künftig wachsen wird, entsteht durch die aktuelle Berichterstattung eine große Kluft zwischen der Wahrnehmung des Unternehmens und der Realität.“
Kleiner Markt, komplexes Geschäftsfeld
Zudem ist Carbon ein kleiner Markt. Zum Vergleich: 2010 wurden weltweit etwa 1,4 Milliarden Tonnen Stahl, 40 Millionen Tonnen Aluminium, aber nur 35.000 Tonnen Carbonfasern verbraucht. Durch das Hype-Thema Carbon in den Medien gerate das oft aus dem Blick. Fritsch betonte daher auch, wie wichtig es für die Kommunikation sei, nicht zu vergessen: Carbon sei ein Nischenmarkt und dass es auf den intelligenten Materialmix zwischen traditionellen Werkstoffen wie Stahl und Aluminium und Carbon ankomme.
In der Kommunikation setzen er und seine fünf Mitarbeiter darauf, mit Anwendungsbeispielen ein Bewusstsein für andere Produkte des Unternehmens zu schaffen – vom Stahlrecycling über e-Mobility und Batterietechnik bis zu graphitbasierten Kühlsystemen oder den bekannten Carbon-Sportgeräten. „Das wird leichter, weil Carbon immer mehr in die Alltagswirklichkeit Einzug hält.“ Eine anschauliche Story, sei für die Kommunikation jedoch wichtig. „Unter Carbon-Bremsscheiben für Porsche oder einer Carbon-Fahrgastzelle für den BMWi3 kann sich jeder etwas vorstellen.“